Warum Sparen und Investieren für die meisten Deutschen irrational erscheint

Wir konsumieren viel und gerne. Ob ein großer Chai-Latte bei Starbucks oder ein nagelneuer Mercedes alle zwei Jahre. Das ist auch gut, denn ohne Konsum würde es unserer Wirtschaft nicht mehr allzu gut gehen. Dennoch überbewerten viele Menschen den Konsum und vernachlässigen den positiven Effekt von Sparen und anschließendem Investieren an der Börse. In Zeiten des Niedrigzinses ist die Versuchung eines weiteren Kredits groß . Geld auf dem Girokonto oder Tagesgeld wird nicht mehr verzinst. Warum also nicht konsumieren? Viele Deutschen blenden dabei die Chancen der Kapitalanlage an den Börsen aus.

Deutsche Sparer: Börse? Nein danke!

Die Aktionärsquote der Deutschen liegt insgesamt bei rund 16% und hinkt damit im internationalen Vergleich meilenweit hinterher. In den USA ist die Aktionärsquote um ein Vielfaches höher. Zudem fördert der Staat die private Anlage in Aktien für die private Altersvorsorge. Unser Finanzminister hingegen hat sein Geld komplett auf dem Girokonto und plant weitere Steuern für Aktionäre.

An der Börse kann man mit einem breit diversifiziertem Portfolio und einem Anlagehorizont von mehr als zehn Jahren rund 8% Rendite pro Jahr erwirtschaften. Mit einem ETF auf dem MSCI World sowie einem entsprechendem Sparplan ist das zu geringen Kosten sehr einfach umzusetzen – für jeden. Selbst mit geringen Summen ab 25 Euro pro Monat dies es möglich. Einzige Bedingung: ein langer Atem (mindestens zehn Jahre) und keine Panik, wenn die Kurse auch mal fallen.

Strand in Kreta, Chania
Denke langfristig und selbstständig. Lass dich nicht von kurzfristigen News und Schwankungen beeinflussen. Habe die nächsten zehn bis dreißig Jahre im Blick, nicht nur das nächste Jahr. Sei geduldig.

Wodran liegt das? Nutzen von Konsum überbewertet.

Ich musste letztens an meine ersten Mikroökonomie-Vorlesungen in der Universität zurück denken. Ich versuche das Modell mal etwas vereinfacht zu erklären. Eine intertemporale Nutzenfunktion bildet Präferenzen über Konsumalternativen zum jetzigen und zu einem zukünftigen Zeitpunkt ab. Mit ihr kann unter anderem erklärt werden, warum und in welcher Höhe Menschen sparen, konsumieren oder Kredite aufnehmen. In der Gegenwart kann man sein verfügbares Einkommen entweder konsumieren oder sparen: Einkommen (E) = Konsum (c) + Sparen (s).

Diese Budgetrestriktion gilt nicht nur heute, sondern auch in der Zukunft. Dabei nehmen Konsum jetzt bzw. Sparen jetzt, aber Einfluss auf das Einkommen in der Zukunft.

Jeder kann Kredite aufnehmen bzw. das gesparte Geld anlegen und so sein Einkommen im Jetzt, aber auch in der Zukunft aktiv beeinflussen. Angenommen, jemand verzichtet in der Gegenwart auf Konsum, dann kann er sein Einkommen sparen bzw. investieren und hat dann, in der Zukunft dank Zinseinkünften, ein höheres Einkommen zur Verfügung. Umgekehrt könnte er auf Zukunftskonsum verzichten. Also jetzt mehr konsumieren, als er eigentlich an Einkommen zur Verfügung hat. Maximal könnte er das gesamte zukünftige Einkommen bereits jetzt konsumieren, wenn man einen sehr hohen und riskanten Kredit aufnimmt. Dafür werden Zinsen bei einer Bank fällig. Ein vorzeitiger Konsum kostet also zukünftiges Einkommen.

Konsum ist geil

Wie viel wir sparen oder jetzt konsumieren, hängt davon ab, wie wir den jeweiligen Nutzen für uns bewerten. Der Nutzen ist dabei sehr individuell und nicht immer rational. Ein Großteil aller Menschen präferiert den sofortigen Konsum. Denn wir leben in einer Konsumgesellschaft. Wir kaufen neue Autos, wollen die angesagten Marken und viele Likes auf Instagram.

Dabei verdrängen wir, was uns dieser Konsum kostet und bewerten unter, was uns eine Investition, in der Zukunft, einbringt. Das Risiko, was mit der Börse natürlich verbunden ist, überbewerten viele Deutsche. Pauschale Verurteilungen als Zockerei, sind oft Ausreden, sich weiter dem Konsum hingeben zu können.

Um rational zu entscheiden, wie viel meines Einkommens ich konsumiere oder spare, sollte man sich genau vor Augen führen, welche Auswirkungen diese Entscheidungen für die eigene finanzielle Zukunft haben können.

Die Menschen unterschätzen den Zinseszins

Bei zu viel Konsum verlieren viele Menschen einen großen Verbündeten: den Zinseszins. Bei Krediten fällt uns der Zins zur Last, bei Investitionen nutzt uns der Zins. Jedoch gibt es einen wesentlichen Unterschied. Investitionen nutzen den Zinseszins, bei Krediten ist dieser Effekt (zum Glück für jeden Schuldner) in der Regel verboten.

Der Zinseszins ist für Menschen extrem schwer greifbar, denn er führt zu exponentiellem statt linearem Wachstum. Nicht umsonst bezeichnete bereits Albert Einstein den Zinseszins als die stärkste Kraft im Universum. Hier ein Beispiel einer Anlage von 1.000 Euro mit linearer Verzinsung (10 %) sowie einer Anlage mit exponentieller Verzinsung (10 %).

Beispiel

LinearExponentiell
Jahr 01.000€1.000€
Jahr 11.100€1.100€
Jahr 21.200€1.210€
Jahr 102.000€2.594€
Jahr 203.000€6.727€
Jahr 304.000€17.449€

Nach 30 Jahren sind aus 1.000 Euro dank des Zinseszins also 17.449 Euro geworden. Bei linearem Wachstum wären es nur 4.000 Euro.

Falsche Bewertung des Nutzens von Konsum heute

Versuchen wir es einmal an einem Beispiel etwas greifbarer zu machen. Nehmen wir an Hans hat ein Nettoeinkommen von 24.000 € pro Jahr. Zeitpunkt 0 ist heute und Zeitpunkt 1 ist in zehn Jahren. Das Einkommen ist zu beiden Zeitpunkten gleich.

Option 1: Hans gönnt sich heute ein neues Auto dank eines Kredits

Hans nimmt heute einen Kredit über 30.000 Euro für ein neues Auto auf. Er freut sich und fährt stolz bei seinen Freunden vor. Doch er vergisst: mit dieser Entscheidung hat er gerade sein zukünftiges Einkommen reduziert. Denn er muss für diesen Kredit im Laufe der zehn Jahre regelmäßig Zinsen zahlen. In den nächsten zehn Jahren sind das insgesamt rund 3.500 Euro Zinsen (bei ca. 3%). Zudem bleibt so kein Einkommen mehr zum sparen – selbst wenn man die hohen laufenden Kosten für ein Auto vernachlässigt. Hans erkauft sich also einen höheren Gegenwartskonsum auf Kosten seines zukünftiges Einkommens. Statt 24.000 Euro, hat er in zehn Jahren nur noch 21.500 Euro zur Verfügung. 3.500 Euro sind die Kosten, die fällig werden dafür, dass er bereits heute ein neues Auto hat. Viel schwerer wiegen aber die Opportunitätskosten. Opportunitätskosten oder auch Alternativkosten sind entgangene Erlöse, die dadurch entstehen, dass vorhandene Möglichkeiten nicht wahrgenommen werden. Dies zeigt Option 2.

Option 2: Hans nimmt den Bus und spart jeden Monat 20 % seines Einkommens

Spart Hans hingegen von seinem jetzigen Einkommen jährlich 20 %, also 4.800 Euro, und investiert dieses Geld an der Börse mit 8 % durchschnittlicher Rendite, erhöht er sein zukünftiges Einkommen bzw. sein Vermögen. Dafür muss er im Jetzt seinen Konsum reduzieren. Geld für ein neues Auto ist somit nicht da. Sein Geld vermehrt sich dafür dank des Zinseszins in den zehn Jahren exponentiell. Nach zehn Jahren kann Hans so fast 73.000 Euro zusätzliches Vermögen aufbauen. Davon sind alleine 25.000 Euro Zinseszins aus der Investition. Wenn er schlau ist, konsumiert er auch dann nicht alles, sondern legt einen großen Teil weiter an und lässt weiter das exponentielle Wachstums für sich arbeiten. Die Kosten von Option 1 sind also nicht nur 3.500 Euro, sondern zusätzlich die 25.000 Euro entgangener Erlöse mittels Zinseszins.

Fazit: Konsumiere und Spare rational

Das ist kein Aufruf jetzt nicht mehr zu konsumieren und nur frugal dahin zu vegetieren, um 60 % deines Einkommens zu sparen und zu investieren. Nein, es ist der Aufruf beide Alternativen transparent gegeneinander abzuwiegen. Versuche nicht über deinen Verhältnissen zu leben und meide Kredite. Denn der vorgezogene Konsum kostet dich, selbst im Niedrigzinsniveau. Bewerte alle Opportunitäten. Mach dir den Zinseszins zum Verbündeten und investiere stetig einen Teil des Einkommen breit gestreut an der Börse. Dein zukünftiges Ich wird es dir danken.

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